Bergrücken

Verwoben – Mensch und Natur als ein gemeinsamer Körper

Am Anfang stand ein Rücken.

Eine große Zeichnung mit Zeichenkohle auf weiß grundiertem Papier: ein Akt von hinten, ein menschlicher Körper, und doch schon beim Zeichnen mehr als das. Der Rücken begann sich zu verwandeln. Er wurde nicht nur als Körper sichtbar, sondern als Erhebung, als Gelände, als Fels. Schulter, Wirbelsäule, Haut und Schatten legten sich übereinander wie geologische Schichten. Aus dem menschlichen Rücken wurde ein Bergrücken.

Von diesem ersten Bild aus entwickelte sich ein künstlerischer Prozess, der sich Schritt für Schritt vom einzelnen Körper entfernte und zugleich tiefer in ihn hineinging. Der Mensch löste sich nicht auf, sondern verwandelte sich. Er wurde Linie, Spur, Abdruck, Landschaft.

Aus der Kohlezeichnung entstand zunächst ein Linoldruck. Die kleine grüne Druckplatte nahm den ursprünglichen Körper auf, vereinfachte ihn, verdichtete ihn, machte ihn druckbar. Danach folgte ein weiterer Druckstock: eine MDF-Platte, auf der Pappe und Linien aus Heißkleber aufgebracht wurden. Diese erhobenen Spuren wurden zu einem Hochdruck, zu einer körperlichen Landschaft aus Linien, Kanten und Berührungen.

Die daraus entstandenen Drucke entfernen sich immer weiter vom Akt. Der menschliche Rücken wird weniger Figur, mehr Gelände. Weniger Anatomie, mehr Fels. Weniger Körperansicht, mehr Naturform. Und doch bleibt der Ursprung spürbar: ein Mensch, der in die Landschaft übergeht.

In den folgenden Arbeiten trat die Farbe hinzu. Auf weißem Papier und auf Transparentpapier entstanden Malereien mit Eitempera. Die Papiere wurden zuvor mit Acrylbinder grundiert, sodass sie eine festere, widerständigere Oberfläche erhielten. Die Eitempera wurde nach einem historischen Rezept aus der Maltechnik hergestellt: aus Ei, Wasser und einer Dammarharzlösung in Terpentin. Die Farbe trägt dadurch etwas Lebendiges in sich – sie ist nicht nur Auftrag, sondern Substanz, Geruch, Haut, Glanz und Durchscheinung.

Besonders das Transparentpapier wurde zu einem entscheidenden Material. Es verhält sich wie eine zweite Haut. Es ist verletzlich und zugleich erstaunlich tragfähig. Es lässt Licht hindurch, nimmt Farbe auf, bewegt sich leicht im Raum. Auf ihm entsteht ein Widerspruch: die Zartheit einer Haut und die Schwere eines Berges. Genau in dieser Spannung liegt der Kern der Arbeit.

Im weiteren Verlauf entstand ein transparenter Plot auf Transparentpapier. Dieser digitale Zwischenschritt entwickelte sich aus einem künstlerischen Dialog mit Künstlicher Intelligenz. In das geplottete Bild wurde anschließend wieder eine Figur hineingearbeitet – ein Körper, der nicht mehr vor der Landschaft steht, sondern mit ihr verwoben ist. Mensch und Berg, Haut und Erde, Linie und Fels treten ineinander.

Am Ende erweitert sich die Arbeit in den Raum. Drei transparente Objekte werden nicht mehr nur als Bild betrachtet, sondern als räumliche Körper. Sie hängen, stehen, schweben und werfen Schatten. Das Transparentpapier wird zur Haut eines Objektes, die Linie zur Ader, der Bergrücken zur inneren Landschaft.

„Bergrücken“ ist Teil meines übergeordneten Themas Verwoben.

Mich interessiert, dass Mensch und Natur nicht getrennt voneinander existieren. Der Körper ist nicht nur Körper. Die Landschaft ist nicht nur Landschaft. Beide bedingen einander, durchdringen einander, spiegeln einander. In Adern, Flüssen, Falten, Bergrücken, Hautlinien und geologischen Spuren wiederholt sich dieselbe Bewegung: Alles ist verbunden. Alles ist abhängig voneinander. Alles trägt Spuren des anderen in sich.

Der Rücken wird zum Berg.

Der Berg wird zur Haut.

Die Linie wird zur Verbindung.

Und aus der einzelnen Figur entsteht ein gemeinsamer Lebensraum.